ANNA OSMUSHKINA

 
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BERLINER ZEITUNG

'There comes a century of Amazons'

2 May 2004 Nr. 101

 

Frau Osmushkina, Ihr Motto lautet "Die Frau lenkt die Welt". Wie meinen Sie das?

 

Das ist ein ganz persönlicher Slogan und meine Sicht der Welt. Alles beginnt auf unserer Welt doch mit der Frau. Sie schenkt Leben, sie erzieht, lehrt das Verstehen der Welt, gibt Gewohnheiten weiter. Überall auf der Welt wird der Einfluss von Frauen stärker, in der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik. Wir stehen am Anfang eines Amazonen-Zeitalters.

 

Seit 25 Jahren sind Sie in der Modebranche, angefangen haben Sie als Angestellte bei "Rigas Modes". Wie groß war denn in einem sowjetischen Betrieb der Spielraum für Sie?

 

Es gab keinen. Alle Kollektionen waren staatlich vorgeschrieben, wir kannten kaum etwas von außen. Das einzige Magazin aus dem Westen war "Burda", kaum einer wusste, dass es ein Magazin für Hausfrauen und nicht für die Modebranche war. Wenn ich jetzt zurückschaue, kann ich nur lächeln, wie primitiv alles war.

 

Aber Sie schafften es bis zur leitenden Designerin bei "Rigas Modes".

 

Ich wurde schon avantgardistisch genannt, nur weil ich neue Schnittmuster vorgeschlagen hatte, neue Stoffe, unübliche Accessoires, aber natürlich wurde nichts davon genehmigt. Oder halt: Fast nichts. Einmal habe ich eine Kollektion entworfen mit farbiger Strickware und knallbunten Baumwollstoffen, Jeans mit aufgenähten Taschen und kurzen Lederjacken mit Reißverschlüssen. Davon wurden dann einige Exemplare hergestellt. Die verteilten ein paar Parteifunktionäre unter sich, ihren Familien und Kindern. Das war westeuropäische Mode, hieß es, und die durfte nicht in die Massenproduktion gehen.

 

Ging es sofort stilistisch bergauf nach der Unabhängigkeit?

 

Für mich ja, für die Massen nicht. Der Geschmack der Kunden gierte erst einmal nach billigen Klamotten aus der Türkei und China, die nach der Isolation der Sowjetzeit schon als echte Westprodukte galten. Wenn jemand wirklich hungrig ist, nimmt er alles, auch Plagiate und schlechte Qualität. Aber wir haben immer weiter versucht, lettische Kunden zu gewinnen. Behutsam gezeigt, was wir unter einer baltischen Mode verstehen, einen eigenen Stil entwickelt. Die Leute haben es schließlich angenommen, plötzlich. Es war wie so oft, indem sie von einem Extrem zum anderen wechseln. 1996 habe ich meine Marke gegründet, 1998 einen Laden in Riga eröffnet. Wir sehen uns schon seit über zehn Jahren als Teil von Europa. Schritt für Schritt haben wir uns heran gearbeitet. Ganz klein angefangen, ein Netzwerk aufgebaut. Marketing ist alles, das haben wir gelernt.

 

Heute ist Ihr Fashion House ein Zugpferd für die Mode in allen baltischen Ländern.

 

Die Haute Couture ist der Kern des Hauses, damit haben wir uns einen Namen gemacht. Seit 1999 gehen wir zu den Schauen in Mailand, Paris und London. Im Jahr 2000 waren wir erstmals mit einer Kollektion auf Fashion TV, das ist ein wichtiger Türöffner. Die meisten Einnahmen erwirtschaften natürlich die Prêt-à-porter-Linien und die Accessoires. Seit ein paar Monaten gibt es einen Internet-Shop, demnächst bringen wir auch Parfüm und Schmuck heraus. In den drei baltischen Ländern verkaufen wir etwa ein Fünftel unserer Waren, unsere anderen Märkte sind Russland, Westeuropa, die USA und der Mittlere Osten. Viele Kunden kommen mittlerweile her, um sich einzukleiden. Reiche, wichtige Leute aus dem Management, der Politik oder die Frauen von wohlhabenden Geschäftsleuten. Auf diese Stammkunden achte ich sehr, ich produziere gute Einzelstücke für sie.

 

Was ändert sich mit der EU?

 

Wir hoffen natürlich, dass wir leichter als bisher Kooperationen im Ausland schließen können, weil das Land als Mitgliedsstaat der Gemeinschaft einen besseren Ruf hat, man traut dem wohl eher. Für eine Zahl von kleineren und mittleren lokalen Firmen wird es natürlich sehr schwer werden, wenn die Großen aus dem Westen kommen. Aber die Korruption in staatlichen Organen wird sinken, hoffe ich, und das ganze Geschäftsleben wird hoffentlich etwas zivilisierter.

 

Ist Ihr Fashion-House ein lettisches oder russisches Haus, spielt die Trennung der Gesellschaft eine Rolle?

 

Das hat für mich keine Bedeutung. Ich sehe mich als Europäerin. Oder Weltbürgerin, die stylish und elegant sein will. Noch vor einiger Zeit gab es im Land sogar unter den Designern eine Separierung in lettische und russische Kollegen, so wie die Politiker bei uns die ganze Gesellschaft trennen wollten. Aber das ist absurd. Mode ist sowieso ein internationales Geschäft, da lässt sich nichts trennen.

 

Wird Riga, wie manche sagen, wirklich wieder die heißeste Stadt des Nordens?

 

In den letzten Jahren sprach vieles dafür. Vor hundert Jahren war es ja schon einmal das "Paris des Nordens". Es gibt neue Museen und wichtige Ausstellungen. Oper, Theater und Ballett sind bekannt, das Nachtleben ist berühmt. Eigentlich könnte Riga schon die Stadt sein, die nie schläft. Aber es gibt bei uns eine arme Mittelschicht, das darf man nicht verschweigen, und es fehlen die Touristen. Allen Attraktionen mangelt es an Besuchern. Jetzt gibt es eine große Hoffnung, dass wir als EU-Land mehr Beachtung finden und mehr Gäste ins Land kommen.

 

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© ANNA OSMUSHKINA